Architektur

Neue Mitte für Staßfurt

Durch Bergsenkung verlor das sachsen-anhaltinische Staßfurt an der Bode seine Stadtmitte.
Nun soll Landschaftsarchitektur ein neues Zentrum definieren.

von Winfried Häfner (Landschaftsarchitekturbüro Häfner + Jimenez)

GesamtkonzeptDass der Bergbau über seine Grubengrenzen hinaus wirkt, spüren die Staßfurter direkt in ihrer Ortsmitte. Dort senkte sich der Boden um bis zu sieben Meter. Seit etwa 250 Jahren wird in Stollen unter der Stadt Kali ab-gebaut. Die alten Stollen füllen sich mit Wasser und fallen ein, dadurch senkt sich die Erdoberfläche. Ständiges Abpumpen des Grundwassers lässt die Bergsenkung nicht zur Ruhe kommen, da immer mehr Salz ausgespült wird. Das so entstandene etwa 200 Hektar große Bergsenkungsgebiet zieht sich mitten durch die Innenstadt. Rathaus, Kirche und Wohnhäuser im Zentrum der sachsen-anhaltinischen Kleinstadt an der Bode mussten bereits in den sechziger Jahren abgerissen werden, eine Wiederbebauung ist auf lange Sicht nicht möglich.

Foto: Hanns JoostenIm Januar 2004 organisierte die IBA Stadtumbau 2010 einen Workshop mit Teams aus Architekten und Landschaftsarchitekten mit dem Thema „Aufheben der Mitte", um das Zentrum neu zu definieren, es wieder für die Bürger zu öffnen und mit den anderen 5tadtteilen zu verbinden. Um die Absenkung zu verringern, lag es nahe, die Pumpaktivität zu begrenzen und den so entstehenden Grundwassersee in die Ortsmitte einzufügen. Mit einer Ausdehnung von 4.500 Quadratmetern wird er zum prägenden Element der neuen Stadtmitte und zum Initiator einer neuen städtischen Entwicklung.
Seine Form folgt der Topografie des Ortes in Richtung der Senkungslinie, die diagonal durch die Stadtmitte verläuft.

Foto: Hanns JoostenDer Schotter am Ufer soll an das rohe kristalline Salz erinnern, das einerseits zum Wohlstand der Stadt aber auch zum Verlust ihrer historischen Mitte geführt hat. Gleichzeitig toleriert die Steinschüttung die zu erwartenden wechselnden Wasserstände. Flache Ufer mit feinkörnigerem Schotter differenzieren Aufenthaltsbereiche am Wasser von steileren Uferabschnitten mit gröberer Steinschüttung. Die wichtigsten Wegeverbindungen werden aufgegriffen und führen westlich in Form ei-ner Promenade am See vorbei. Entlang des östlichen Seeufers verläuft ein landschaftlich gestalteter Weg. Auf einer Brachfläche wachsen Kirschbäume, um sie zu gestalten, solange keine weitere bauliche Nutzung vorgesehen ist. Kirschbäume fallen nicht unter die Baumschutzverordnung und können bei Bedarf wieder entfernt werden.Einige Straßen werden durch den See unterbrochen. Die Kottenstraße als wichtige Ost-West-Verbindung bleibt für Fußgänger und Radfahrer mittels eines Steges zugänglich, der in einem weiteren Bauabschnitt gebaut wird. Die Marktgasse und Reitbahn enden am See und erinnern an die versunkene Mitte.

Der Senkungsbereich wird als räumliche Einheit gestaltet, in der der See, der Große Markt und die Fläche der ehemaligen Kirche eingefügt werden. Der Große Markt entspricht in etwa seiner historischen Fläche und liegt als glatte Ebene in einem Bett aus Kleinsteinpflaster. Das sich nördlich anschließende Kirchengrundstück, auf dem sich 1,50 Meter unter dem heutigen Geländeniveau die Reste der St.--Johannes-Kirche und des sogenannten schiefen Turmes befinden, bleibt unangetastet für spätere Generationen. Das Grundstück wird in diesem Jahr als plane horizontale Rasenfläche ausgebildet. Sie dient gewissermaßen als Eichstrich, um mögliche künftige Veränderungen ablesen zu können. Der Umriss einer schief im Rasen liegenden Fläche markiert den ehemaiigen Kirchturm, der über mehr als 1.000 Jahre ein Wahrzeichen der Stadt war.